Krieg

Jedes Gesicht zeigt eine Geschichte, die immer und überall möglich ist.

1987 wohnte ich in einem Haus in Berlin, dessen Fassade noch Einschusslöcher aus dem Zweite Weltkrieg aufwies. Ich sah Dokumentationen und Akten dieses Krieges und kam nach Dachau und Oranienburg. Durch Diskussionen junger Menschen über ihre Identitätsprobleme, Erzählungen, Bücher und Berichte entstand in mir ein Bild dieses Krieges, aber mit dem Abstand von mehr als vierzig Jahren.
Ich stellte mir die Frage, was Krieg und seine Auswirkungen für den Einzelnen bedeuten.
1990 begann der Golfkrieg. In Berlin erlebte ich eine absurde Hysterie, die Medien brachten heroische Berichte.
Im Frühjahr 1992 brach der Krieg in Bosnien aus. Ich kam nach Österreich zurück. Der Krieg fand in unmittelbarer Nachbarschaft statt und täglich brachten die Medien Berichte über Gräuel, begangen an unschuldigen Menschen, über Flüchtlinge, Verletzte und Tote. Die kurzlebige Präsentation in den Zeitungen und im Fernsehen vermittelte ein scheinbares Bild vom Krieg, das für mich nicht nachvollziehbar war.
Im März 1993 fuhr ich über Vermittlung der Caritas nach Varaždin und sah das Elend in zwei Flüchtlingslagern. Die Menschen dort standen unter Schock, waren gelähmt vor Angst und Verzweiflung. Ich fuhr zurück ohne ein Foto gemacht zu haben.
Nach mehreren Kontakten zu Flüchtlingsorganisationen, zu Pressestellen, zu Lagern und durch private Vermittlung begann ich im November 1993 mit der Portraitserie KRIEG. Die Aufnahmen entstanden in Wien, Niederösterreich und Kroatien. Ich fotografierte Bosnier, Kroaten und Serben. Die Gespräche wurden auf Band aufgezeichnet und übersetzt.


Ein Dorf in der Nähe, ... dort war sie mit ihrem Mann. Und sie sagte: Wir haben Schüsse gehört und als wir aus dem Haus rausgelaufen sind, sehen wir, wie es brennt. Das Haus brennt ... der Sohn wohnt am Anfang des Dorfes ... er hat dort ein Haus ... der Sohn, die zwei Kinder und seine Frau ... und ich und mein Mann sind aus dem Haus geflohen, der Wald ist in der Nähe und wir hören wie sie gehen, sie der Reihe nach die Häuser anzünden, und als sie zu unserem Haus gekommen sind, haben wir gehört, wie sie sagten: Was machen wir mit ihm, wir schlachten ihn auch ... Sie haben das Haus angezündet, uns nicht, weil wir nicht im Haus waren, und danach, ich weiß es nicht wann genau, vielleicht im Morgengrauen, ich weiß es nicht, sind sie weggegangen ... Die Mutter wollte nachsehen, was mit ihrem Sohn passiert ist, sie haben gedacht ... wie der Mann immer wieder gesagt hat, wenn wir es geschafft haben, zu fliehen müsste er es auch ... dann dort, das Haus war abgebrannt ... sie ist alleine gegangen, sie geht ins Haus, als sie im Haus war, in der Küche, der verbrannte Sohn und sein Kind ... zehn Jahre alt ... es blieb nur der Schädel und der Brustkorb ... verbrannt ... sie ging raus, die Schwiegertochter und das Kind getötet ... ich weiß nicht wie alt es war ... das eine zehn Jahre, das andere jünger ... ich bin rausgerannt und habe angefangen zu zittern, und ich setzte mich nieder ... ich konnte nicht weiter ... dann ist irgendeine Armee gekommen, ich weiß nicht welche, und fragte was los war ... sie sagte: Sie haben meinen Sohn verbrannt, sie haben meinen Sohn getötet ... Warten Sie hier, es kommt gleich die Polizei ...